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++ 7 | 38770 Zeichen | Artikel vom: 29. 04. 2006   Druckversion

Überlegungen zur deutschen Gedenkkultur

Der Beitrag wurde auf einer Veranstaltung im Rathaus WI am 19.04.06 gehalten.Diese war organisiert vom aktiven Museum Deutsch- Juedische Geschichte.

Der Beitrag wurde auf einer Veranstaltung im Rathaus WI am 19.04.06 gehalten.Diese war organisiert vom aktiven Museum Deutsch- Juedische Geschichte.

Klaus Neumann ist der Autor von “Shifting Memories“, mit einem Kapitel über Wiesbaden. Er ist Senior Research Fellow am Institute for Social Research an der Swinburne University of Technology in Australia. Klaus Neumann ist zur Zeit auf einer Vortragsreihe in der BRD und hat unter anderem zu dem Thema im Fritz-Bauer Institut, in Berlin, Celle, Hamburg und Salzgitter referiert. Die meisten Veranstaltungen fanden bzw. finden in Städten statt, zu denen er geforscht hat und die Ergebnisse u.a. in dem erwähnten Buch dokumentiert sind.



Täter, Opfer, Mitläufer: Öffentliche Erinnerung in Deutschland

- Redemanuskript, Vortrag im Wiesbadener Rathaus, 19. 4. 2006 -

“Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler,” befand Robert Musil einmal. “Sie werden doch zweifellos aufgestellt, um gesehen zu werden, ja geradezu, um die Aufmerksamkeit zu erregen; aber gleichzeitig sind sie durch irgend etwas gegen Aufmerksamkeit imprägniert, und diese rinnt dann Wassertropfen-auf-Ölbezug-artig an ihnen ab, ohne auch nur einen Augenblick stehenzubleiben.”

Denkmäler sind der offensichtlichste, aber oft auch der unsichtbarste Ausdruck öffentlicher Erinnerung. Manchmal liegt das daran, dass die Bedeutung eines Denkmals nur Eingeweihten bekannt ist. Dem versucht man dann durch umfangreiche Beschilderung abzuhelfen. Die kann natürlich auch verwirren. So sind vor einem relativ grossen aber sich aus seiner Symbolik nicht selbst erklärenden Denkmal in Berlin u.a. folgende Hinweise angebracht:

“Nicht gestattet ist:

- Lärmen, lautes Rufen, das Benutzen von Musikinstrumenten

- das Mitführen von Hunden,

- das Mitführen von Fahrrädern,

- das Rauchen, der Genuss alkoholischer Getränke und Grillen,

- das Lagern im Stelenfeld, auf Stelen zu klettern, von Stele zu Stele zu springen und sich in Badebekleidung auf einer Stele zu sonnen.”

Die Unsichtbarkeit von Denkmälern liegt neuerdings nicht nur daran, dass die Aufmerksamkeit Wassertropfen-auf-Ölbezug-artig an ihnen abperlt, sondern dass sie gegen Modifikationen jeglicher Art, einschliesslich Graffiti, das ja effektiver als das von mir eben zitierte Schild auf ein Denkmal hinweisen kann, imprägniert sind. Das gilt natürlich gerade auch für das Berliner Denkmal, dessen Verwalter seine Nutzung durch sonnenhungrige Passanten unterbinden möchten.

Als ich vor etwa zwölf Jahren mit meinem Forschungsprojekt über nachkriegsdeutsches Gedenken begann, erhoffte ich mir, dass einschlägige Denkmäler und andere Ausdrucksformen öffentlicher Erinnerung trotz ihrer zeitweisen Unsichtbarkeit Auskunft geben können über den historischen Wandel der Erinnerung an den Nationalsozialismus.

Dabei ging es mir nicht so sehr um eine Interpretation von Denkmälern als Texte – so, wie man etwa einen Roman auch als historisches Zeugnis lesen kann. Sondern ich erwartete, dass beispielsweise ein Gedenkstein auch eine Geschichte verbirgt – die sich aus seiner eigenen Biographie erschliessen lässt. Frau Lottmann-Kaeseler hat mich gebeten, mich in meinem Vortrag nicht auf Wiesbaden zu konzentrieren, aber nehmen wir hier trotzdem ein Wiesbadener Beispiel: die Altdorfsche Stele am Michelsberg. Es gab einen Beschluss aus dem Jahr 1951 dort, wo sich bis 1950 noch die Überreste der Synagoge befunden hatten, einen Gedenkstein zu setzen. Bis zur Realisierung dieses Beschlusses vergingen zwei Jahre. Verschiedene Möglichkeiten wurden erörtert, u.a. die eines Denkmals mit der Aufschrift “Vergib uns unsere Schuld”. Es setzte sich schliesslich ein Vorschlag des Künstlers Egon Altdorf durch, einschliesslich des Texts: “Der Welt Gewissen ist die Liebe”. Der wurde dann auf Betreiben der jüdischen Gemeinde noch ergänzt. Als vor etwa 35 Jahren die Hochstrasse gebaut wurde, wurde die Stele versetzt. Zur Geschichte der Stele gehört die Geschichte ihrer Nutzung (und Nichtnutzung) als Fokus für die alljährlichen Gedenkrituale am 9. 11. Und schliesslich gehören zur Geschichte der Stele auch die Initiativen Heinrich Lessings – und eigentlich auch der kürzliche Abriss der Hochstrasse. Man müsste also anhand der Geschichte dieser Stele Aussagen treffen können über den Wandel der lokalen öffentlichen Erinnerung an die Progromnacht im November 1938.

Aber ganz so einfach ist das nicht. Denn man kann ja nicht von einem Denkmal und seiner Geschichte darauf schliessen, wie die Bürger eines Stadtteils, einer Stadt oder eines Landes sich erinnern, oder welche Sicht auf die Vergangenheit sie mit dem Denkmal sanktionieren. Das geht zum einen nicht wegen des von Musil beschriebenen Problems, dass nämlich möglicherweise dem Denkmal keinerlei Beachtung geschenkt wird.

Das geht auch deshalb nicht, weil es sich bei Gelegenheiten, bei denen die Aufmerksamkeit nicht Wassertropfen-auf-Ölbezug-artig von einem Denkmal abtropft, oft um aussergewöhnliche, unalltägliche Anlässe handelt. Jedesmal, wenn ich in einen mir unvertrauten Ort komme, um mir einen Gedenkort oder ein Gedenkritual anzusehen, werde ich aufs neue mit dem Widerspruch zwischen der Normalität des Lebens in diesem Ort und der Ausnahmesituation öffentlicher Erinnerungspraxis konfrontiert. Einer meiner Wiesbadener Gesprächspartner erklärte mir während meiner Recherchen für Shifting Memories, dass er Probleme mit der Ritualisierung des Gedenkens habe, da dabei die Erinnerung zur Pflichtaufgabe für einige wenige Eingeweihte verkomme. “Man trifft sich am 9. November. So wie man morgen Vatertag feiert,” sagte er. Und dann: “Ich brauch was für den Alltag. Nicht für den Sonntag, wo ich mich schick anziehe und in die Kirche oder sonstwohin gehe. Das ist doch nicht mein Leben, wenn ich dann von montags bis samstags wieder nur Scheiss mache. Dann hilft mir dieser Sonntag auch nichts. Die Leute sollen . . . nicht Tag und Nacht an den Holocaust und an die Schweinereien denken, die die Deutschen gemacht haben. Aber . . . ich will, dass die Leute von sich aus mal nachdenken zwischendurch.” Ich glaube, dass das ein sehr wichtiger Punkt ist. Ich komme später noch einmal darauf zurück.

Öffentliches Gedenken an sich sagt möglicherweise auch sehr wenig aus darüber, wie Gemeinschaften und Individuen sich erinnern, handelt es sich doch hierbei in den seltensten Fällen um das Ergebnis von Initiativen, die von einer breiten Mehrheit getragen werden. Und selbst wenn ein Denkmal das Ergebnis eines gesellschaftlichen Konsens ist, dann kann man ja nicht automatisch von dem Denkmalsinhalt auf die Motivation der Denkmalsinitiatoren oder ‑befürworter schliessen.

Ich werde nun einige Bemerkungen über lokale öffentliche Gedenkkultur machen. Ich werde mich dabei auf Beispiele aus Hildesheim stützen, dem einzigen Ort in Deutschland, in dem ich länger gelebt habe als in Wiesbaden. Wenn man sich die historische Entwicklung lokal spezifischer  Gedenkkulturen ansieht, fallen Gemeinsamkeiten ins Auge. Aber keine dieser lokalen Gedenkkulturen würde sich als Paradebeispiel eignen. Was ich im folgenden sagen werde, ist also lokal spezifisch. Aber es gibt hoffentlich auch den Blick frei auf eine allgemeine Problematik.

Wie andernorts auch, wurde die öffentliche Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus in Hildesheim anfangs getragen und vorangetrieben von Überlebenden: Juden; Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschaftler; Zwangsarbeiter. So schufen ehemalige italienische Zwangsarbeiter gleich nach Kriegsende auf dem Hildesheimer Zentralfriedhof ein relativ grosses Denkmal für ihre von der Gestapo hingerichteten Kameraden. Wie andernorts auch, wurde in Hildesheim dieser Gedenkstein später behördlicherseits beseitigt.

Der bis 1988 wichtigste Beleg einer öffentlichen und offiziellen Erinnerung an die Verfolgung der Juden in Hildesheim war ein Gedenkstein dort, wo bis zum 9. 11. 1938 die Hildesheimer Synagoge gestanden hatte. Dessen Realisierung war 1947 vom Hildesheimer Rat beschlossen worden. Der Rat hatte insgesamt 3600 RM dafür bewilligt. Der Antrag eines sozialdemokratischen Ratsherrn, die Hildesheimer Bevölkerung dazu aufzurufen, zur Finanzierung dieses Mahnmals beizutragen, war vom Rat abgelehnt worden – wohl in der realistischen Einschätzung, dass ein solcher Aufruf wenig Erfolg haben würde und man sich dann gegenüber den britischen Besatzern blamieren würde. Der Gedenkstein wurde am 22. Februar 1948 unter Beteiligung Delegierter von sieben neugegründeten jüdischen Gemeinden aus Norddeutschland eingeweiht. Lokale Vertreter der Kirchen, der Parteien und der Gewerkschaften erschienen ebenfalls. Nur die sonstige Hildesheimer Bevölkerung glänzte durch Abwesenheit. Auf dem Stein steht, auf englisch, hebräisch und deutsch: “An dieser Stelle stand die Synagoge die am 9. November 1938 von frevelhaften Händen vernichtet wurde.”

Für mehr als 30 Jahre war dies die letzte öffentliche Veranstaltung in Hildesheim, bei der von offizieller Seite aus der Opfer Nazi-Deutschlands, und nur dieser, gedacht wurde. Im September 1948 gab es dann zwar noch einmal eine Veranstaltung am Synagogenmahnmal, doch bei der ging es bereits auch, wenn nicht sogar vor allem, um die Opfer des Stalinismus in der sowjetischen Besatzungszone.

Nach 1948 gab es auch in der Hildesheimer Lokalpresse zunächst keine Hinweise auf die Opfer Nazi-Deutschlands im allgemeinen und die Verfolgung der Hildesheimer Juden im besonderen. Soweit mir bekannt, erschien zwischen 1948 und 1977 nur einmal ein Zeitungsartikel in der Absicht, an das Reichskristallnachtspogrom zu erinnern.

In den frühen 60er Jahren beschloss der Hildesheimer Rat, 20 Strassen nach Widerstandskämpfern zu benennen. Natürlich war unter ihnen kein Kommunist. (Auch in Wiesbaden wurden ja damals keine Strassen nach kommunistischen Widerstandskämpfern benannt.) Wenige Hildesheimer werden in der Lage sein, die so geehrten 20 Männer und Frauen aufzuzählen (oder gar zu sagen, womit sie sich ihre posthume Ehrung verdient hatten). Aber dass der Stadtteil, der aus diesen 20 Strassen besteht, als Genickschussviertel bekannt ist, weiss wohl jeder. Wie dieser Name andeutet, wurden auch Widerstandskämpfer offiziell in erster Linie als Opfer erinnert. Für die aus Hildesheim deportierten Juden galt das natürlich erst recht.

Im November 1978 legten der Hildesheimer Oberbürgermeister und der Oberstadtdirektor erstmals seit 1948 wieder einen Kranz am Synagogenmahnmal nieder. Wiederum musste die darüber berichtende Zeitung kritisch anmerken, dass die Politiker und Amtsträger bei dieser Veranstaltung weitgehend unter sich blieben. Aber am Abend des 9. 11. 1978 gab es eine zweite Gelegenheit zur öffentlichen Erinnerung, einen ökumenischen Gottesdienst, der gut besucht wurde. Diesmal berichtete die Lokalzeitung auch ausführlich über die Ereignisse, die sich da zum 40. Mal jährten.

Im Anschluss an die Austrahlung des Rührstücks Holocaust im westdeutschen Fernsehen gab es auch in Hildesheim ein grosses Interesse an der Geschichte der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Die von der Fernsehsendung und den sich daran anschliessenden Live-Diskussionen bewegten Hildesheimer erinnerten sich jedoch nun nicht plötzlich an die lokalen Aspekte des Genozids. Der Fernsehfilm hatte ja suggeriert, dass sich der Holocaust “im Osten” (und nicht in Hildesheim) ereignet hatte.

Aber ab 1978 wurde in Hildesheim wieder öffentlich, und manchmal auch offiziell, an die Verbrechen Nazi-Deutschlands erinnert. Ein 1979 publiziertes Buch über die Verfolgung der Hildesheimer Linken und den lokalen antifaschistischen Widerstand traf nicht auf offizielle Zustimmung, war aber in Hildesheim durchaus sehr einflussreich, gerade für meine Generation. Wichtig war auch der 50. Jahrestag der irrtümlich so genannten “Machtergreifung”. Aus diesem Anlass veröffentlichte die Lokalzeitung eine Sonderbeilage. Darin berichtete ein Hildesheimer, dass sein Vater 1945 zuständig gewesen sei für die Unterbringung von etwa 500 Konzentrationslagerhäftlingen aus Bergen-Belsen, die im Februar 1945 nach Hildesheim gebracht wurden, um Bombenschutt zu beseitigen. Bei einem Bombenangriff am 22. März 1945, der die fast vollständige Zerstörung der Hildesheimer Innenstadt zur Folge hatte, kamen dann viele dieser Häftlinge ums Leben. Diese historische Tatsache war nicht unbekannt in Hildesheim, aber mit der Zeitungsveröffentlichung im Januar 1983 wurde sie erstmals öffentlich gemacht. Damals blieb dies allerdings  noch ohne Folgen. Erst 1995 griff eine Schülergruppe die Geschichte wieder auf, und dann gab es eine offizielle Gedenkfeier für diese Opfer, über die allerdings auch zu dem Zeitpunkt noch relativ wenig bekannt war.

Seit 1984 gab es Vorschläge, ein grösseres Denkmal zu schaffen, um auf die Zerstörung der Hildesheimer Synagoge während des Reichskristallnachtpogroms hinzuweisen. Man machte sich Gedanken, wie der 50. Jahrestag dieser Zerstörung angemessen begangen werden könnte. Andere Städte, wie zum Beispiel das benachbarte Göttingen, waren da nämlich anscheinend bereits viel weiter und hatten “ansehnliche” Mahnmale in Auftrag gegeben. In den Diskussionen im Rat ging es gerade auch um die angebliche Unansehnlichkeit des Mahnmals aus dem Jahr 1948. Am 9. November 1988, rechtzeitig zum 50. Jahrestag, wurde ein neues, repräsentatives Synagogendenkmal der Stadt übergeben.

Wie andernorts auch, wurde in Hildesheim in den 80er und 90er Jahren öffentlich an zahlreiche andere lokale Aspekte des NS-Unrechtsregimes erinnert. Lokalhistoriker erforschten viele örtlich spezifische Aspekte der NS-Geschichte. Immer mehr “Informationslücken” wurden geschlossen.

Wie andernorts auch, setzte sich in Hildesheim die Meinung durch, dass an ganz bestimmte Opfer und ganz bestimmte Taten am historischen, authentischen Ort und, wenn möglich, auch namentlich erinnert werden müsse. Gedenkrituale verknüpfen diese authentischen Orte mit historischen Daten. Dass die Leute mal von sich aus nachdenken zwischendurch, wie sich das mein eben schon zitierter Wiesbadener Gesprächspartner wünschte, schien primär nicht beabsichtigt. Wichtiger war eher, dass das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am angemessenen Ort und zum angemessenen Zeitpunkt stattfindet und nicht mit Sonnenbaden und Grillen vermengt wird. Denkmäler und andere Manifestationen öffentlicher Erinnerung sollen gerade bei besonderen Anlässen – bei Gelegenheiten, die vom normalen Alltag ausgeklammert sind – wahrgenommen werden. Aber wird damit nicht auch suggeriert, dass es möglich ist, in der Rückschau auf die Zeit des Nationalsozialismus zu unterscheiden zwischen dem normalen (und nicht erinnerungswürdigen) Alltag und lokal und zeitlich identifizierbaren (und eingrenzbaren) Verbrechen?

In Hildesheim war die Erinnerung an die nationalsozialistische Verfolgung scheinbar einfacher, wenn die Erinnernden sich nicht mit Überlebenden auseinandersetzen mussten. Auch das ist andernorts der Fall gewesen. Erst seit kurzem gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Hildesheim, und ihre Konstituierung komplizierte die lokale Erinnerungspraxis, die bis dahin von christlichen Ritualen geprägt und exklusiv nicht-jüdisch deutsch gewesen war. Es ist auch kein Zufall, dass es in den 80er und 90er Jahren zwar ein intensives Interesse an der Verfolgung der Juden in Hildesheim gab, dass aber kein vergleichbares Interesse an der Verfolgung der Sinti zu beobachten war. Das lag eindeutig an der unübersehbaren und kontroversen Nachkriegspräsenz der Sinti in Hildesheim. (Und umgekehrt war es vergleichsweise unkompliziert, in Wiesbaden an die Deportation Wiesbadener Sinti zu erinnern, weil Sinti nach 1945 hier eher unauffällig in Erscheinung traten.)

Darstellungen nachkriegsdeutscher Gedenkpraxis beschreiben die Entwicklung der letzten 60 Jahre oft als einen historischen Fortschritt: Vom Vergessen zum Erinnern, vom obskuren Hinweisen auf Opfer und Taten (verübt durch “frevelhafte Hände”, z.B.) zu einem historisch fundierten Gedenken am authentischen Ort. Anders als vor 50 oder 30 Jahren gibt es heute in Hildesheim, wie in anderen deutschen Städten, jährlich gleich mehrere öffentliche Gedenkveranstaltungen, in denen der Opfer Nazi-Deutschlands gedacht wird. Der eine oder andere gedenkwürdige Aspekt – in Hildesheim z.B. die Verfolgung der Sinti – ist noch unterbelichtet, aber dem wird ja in absehbarer Zeit sicher noch abgeholfen werden.

Aber ganz so geradlinig ist die Geschichte der letzten 60 Jahre nicht. Die Information über die lokale NS-Geschichte wurde zwar präziser und spezifischer, doch interessierte man sich in erster Linie für die Namen und Biographien der Opfer und für das, was ihnen widerfuhr. So erinnerten Redner bei den mehrmals im Jahr stattfindenden Gedenkritualen u.a. daran, dass in Hildesheim die Synagoge angesteckt, jüdisches Eigentum zerstört und als Juden identifizierte Bürger gesellschaftlich isoliert und dann deportiert wurden. Anders als im Deutschen ist der Passiv im Englischen vergleichsweise ungebräuchlich. Im akademischen Essay ist er eher verpönt. Meine Studenten in Melbourne wissen, was sie falsch gemacht haben, wenn ich ihre Aufsätze am Rand mit ”p.v.!” kommentiere. Das soll heissen: beware of the passive voice, hüte Dich vor der Leidensform, dem Erzfeind des präzisen Ausdrucks. Eine grammatikalische Konstruktion, die es gestattet, Akteure nicht zu benennen, lenkt davon ab, dass diejenigen, die sich beispielsweise am Reichskristallnachtpogrom beteiligten, dies taten, weil sie, in wie begrenztem Masse auch immer, eine Wahl trafen.

Hier geht es um mehr als grammatikalische Spitzfindigkeiten. Es geht auch um die Frage der historischen Perspektive. Der von mir eben gebrauchte Passiv privilegiert das historische Resultat, nämlich die Deportation Hildesheimer Juden, und wird im Wissen um ebendieses Resultat eingesetzt. Er ermöglicht keinen Zugriff auf den Augenblick in der Vergangenheit, in dem das historische Resultat noch nicht beschlossene Sache war. Sobald wir Geschichte aus der Sicht der historischen Akteure und ohne Vorwegnahme des nur uns, den Nachkommenden, bekannten historischen Resultats betrachten, dann eröffnen sich Alternativen, die allein im Wissen um den tatsächlichen Verlauf der Dinge obsolet und irrelevant erscheinen. Der Wiesbadener, der sich in der Pogromnacht auf die Strasse begab, wusste noch nicht um das Ergebnis seiner Beteiligung an den historischen Ereignissen (ja, er wusste noch nicht einmal, dass diese Ereignisse später einmal als historisch bezeichnet werden würden). Ihm eröffneten sich in dem Moment noch verschiedene Handlungsmöglichkeiten. Diesen Handlungsmöglichkeiten und den Entscheidungen, die dieser Wiesbadener dann traf, wird der Passiv nicht gerecht.

Vor einigen Minuten sagte ich, dass man von den Gedenkinhalten nicht auf die Motivation der Initiatoren öffentlicher Gedenkpraxis schliessen kann. Selbst die, die angeblich nur im Sinn haben, zu erinnern an Opfer oder Schrecken, meinen ja ganz selten, dass sie selbst erinnert werden wollen, sondern haben in der Regel aufklärungsbedürftige andere im Sinn. Sie wollen andere belehren, mahnen, an etwas erinnern usw.

Bei der Forderung nach öffentlichem Gedenken geht es oft um Eigenidentität, sei es nun die einer Gemeinschaft oder die einzelner. In Hildesheim war das 700.000 DM teure Synagogenmahnmal von 1988 auch ein Prestigeobjekt, mit dessen Hilfe die Stadtoberen zeigen konnten, dass Hildesheim weiter war als die benachbarte Landeshauptstadt Hannover. Der 3600 RM teure und gar nicht künstlerische Gedenkstein von 1948 war eben, wie ein Stadtherr das damals ausdrückte, zu “mickrig” gewesen. Aber ein Denkmal kann auch die Eigenidentität derjenigen befördern, die gerade im lokalen Bereich die Erinnerung an die Opfer Nazi-Deutschlands gegen alle Widerstände der Ewiggestrigen wachhalten wollen: indem ich ein öffentliches Gedenken einfordere, distanziere ich mich sowohl von den Verbrechen, deren Opfer da gedacht werden soll, als auch von Versuchen, diese Verbrechen unter den Tisch zu kehren. Wenn man sich in Hildesheim erboste über die Weigerung der ”Stadt”, sich der Vergangenheit zu stellen, dann war das auch ein Geste der Grenzziehung, die den Kritiker auf der „richtigen“ Seite positionierte. Der Diskurs um die ”richtige” Bewältigung der deutschen Nazi-Vergangenheit ist auch immer eine Frage von ”political correctness” gewesen. Seit den 80er Jahren gehörte nicht viel dazu, deren Grenzen zu überschreiten (der Herr Jenninger wusste einmal ein Lied davon zu singen).

Als ich vor etwa acht Jahren das Buchmanuskript für Shifting Memories abschloss, gab ich darin meinem Unbehagen über gewisse Aspekte der nachkriegsdeutschen Gedenkpraxis Ausdruck. Ich machte auch ein paar vorsichtige Vorschläge für Alternativen. Und ich fragte, ob nicht bei aller Aufmerksamkeit für Denkmäler, Gedenkrituale und andere Formen öffentlicher Erinnerung die individuelle Erinnerung derjenigen, die bei der Produktion öffentlicher Erinnerung eine tragende Rolle spielen und auch derjenigen, die das Zielpublikum von Denkmälern usw. sind, zu wenig beachtet wird. Aber dabei beliess ich es dann erstmal und wandte mich anderen Themen zu. Erst vor etwa dreieinhalb Jahren begann ich mich wieder verstärkt für Deutschland und die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus zu interessieren. Und das hatte anfangs damit zu tun, dass ich als Experte häufig um meine Einschätzung einer angeblich neuen Entwicklung im wiedervereinigten Deutschland gefragt wurde.

In Ländern wie Australien und den USA, beides ehemalige Gegner Nazi-Deutschlands und Aufnahmeländer für vergleichsweise viele jüdische Überlebende nach 1945, ist man Deutschland gegenüber neugierig, aber auch argwöhnisch. Kann man den Deutschen wirklich trauen? Haben sie sich in den vergangenen 61 Jahren tatsächlich gebessert? Oder steckt nicht doch unter dem demokratischen und multikulturellen Schafspelz ein nazistischer und rassistischer Wolf?

Vor etwa drei Jahren berichteten die in Berlin stationierten Auslandskorrespondenten, dass ausgerechnet in der Bild-Zeitung täglich Auszüge aus Jörg Friedrichs Buch Der Brand erschienen, in dem es ausschliesslich um den Bombenkrieg und um seine Auswirkungen auf deutsche Städte und deren Einwohner gehe. In Deutschland fände nicht nur Der Brand reissenden Absatz. Auch Günter Grass mit seiner Novelle Im Krebsgang habe gutes Gespür für den Zeitgeist bewiesen. Die Deutschen seien auf einmal besessen von der Idee, dass sie sich nicht genügend um ihre eigenen Toten gekümmert hätten. Um eine Aufrechnung und damit um eine Relativierung schien es zu gehen: soundsoviele tote Deutsche hie, sounsoviele tote Juden, Sinti, Russen, Polen da. Als ob die wiedervereinigten Deutschen sich mit dem zentralen Holocaust-Denkmal das Recht erkaufen wollten, nun vornehmlich und anhaltend deutscher Kriegstoter zu gedenken.

Was man im fernen Australien und im nicht ganz so fernen Amerika über Deutschland denkt, ist nicht unwichtig für die hiesige Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit. Denn das öffentliche Gedenken bezüglich dieser Vergangenheit ist ja oft von der Sorge um das eigene Image beeinflusst. Jeder das Misstrauen im befreundeten Ausland fördernde Akt wird im Inland sogleich als Peinlichkeit, wenn nicht gar: unsägliche Peinlichkeit, vermerkt. Nationale Mahnmale geben weniger Auskunft darüber, wie Deutsche sich kollektiv zu ihrer Vergangenheit verhalten, als wie sie gern von ihren Nachbarn und Freunden gesehen werden wollen. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Regierungsbeschluss, ein zentrales Holocaust-Mahnmal zu schaffen, und dem Bemühen, der Welt ein trotz Rostock, Mölln und Hoyerswerda kosmopolitisches, aufgeklärtes und verantwortungsbewusstes wiedervereinigtes Deutschland zu präsentieren.

Meine erste Reaktion auf diese Berichte war ein Versuch der Korrektur: die Auslandskorrespondenten verschwiegen in der Regel, dass eine offizielle, nationale öffentliche Gedenkpraxis möglicherweise wenig darüber aussagt, wie sich die Bewohner der Bundesrepublik zur Nazi-Vergangenheit verhalten. Ich versuchte zu erklären, dass beispielsweise das Holocaust-Mahnmal in Berlin keineswegs dem Bedürfnis “der Deutschen” entsprungen sei, an zentraler Stelle der Judenverfolgung zu gedenken.

Ich wies darauf hin, dass das im Ausland verbreitete Bild deutscher Bemühungen, sich der jüngeren deutschen Vergangenheit zu erinnern, oft sehr schematisch und manchmal irreführend sei. Die Erinnerung an Bombenopfer und an die Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten spielte auf lokaler Ebene ja schon seit sehr langer Zeit eine wichtige Rolle. Erstaunlicherweise ignorierte die deutsche Debatte um die Bücher von Friedrich und Grass z.T. auch den lokalen Umgang mit Vertreibung und Bombenkrieg – für mich ist das ein Gradmesser dafür, wie sehr man hier auf die Aussenwirkung schielt (manchmal sogar bevor die erfolgt ist).

Dennoch lohnt es sich, dieses verkürzte und schematische Bild zur Kenntnis zu nehmen – nicht zuletzt deshalb, weil es manchmal schwer ist, sich kritisch mit einer Sachlage auseinanderzusetzen, die aus der Nahsicht ganz selbstverständlich erscheint. Was ausländische Beobachter vor drei, vier Jahren so nervös machte, war die Möglichkeit, dass deutsche und nicht-deutsche Opfer gegeneinander aufgerechnet werden könnten. Das wäre ja nur dann möglich, wenn es sich hier um vergleichbare Diskurse handelte. Das Gedenken an sechs Millionen jüdische Genozidtote ist in der Tat kompatibel mit dem Gedenken an 15 Millionen Vertriebene, weil beide Gruppen – zuerst, wenn nicht sogar ausschliesslich – als Opfer erinnert werden.

 

Was misstrauisch machen sollte, ist nicht so sehr die Tatsache an sich, dass in Deutschland zunehmend öffentlich und offiziell deutscher Kriegstoter gedacht wird (dagegen wäre meines Erachtens eigentlich nichts einzuwenden), sondern dass Deutsche die Zeit von 1933–1945 heute fast ausschliesslich mit Opfern assoziieren. Das war natürlich nicht immer so: vor allem in der DDR, in der man sich von Staats wegen auf Seite der Sieger wähnte, wurde offiziell vor allem des antifaschistischen Widerstands gedacht. In der öffentlichen Erinnerung an das “tausendjährige Reich” haben zugegebenermassen auch eine Handvoll Täter eine wichtige Rolle gespielt: Hitler und seine unmittelbaren Helfer, verknoopt oder unverknoopt, und bisweilen auch durch die wundersam getönten Brillen des Duos Fest-Speer gesehen. Wenn Geschichte als Tragödie oder Melodram erfahren wird (wie das ja beispielsweise in den Fernsehfilmen des Herrn Knoop oft der Fall ist), kann es ohne Täter keine Opfer geben. Doch erstere scheinen hauptsächlich zu existieren, um das Vorhandensein von Opfern plausibel zu machen.

Der Schwerpunkt öffentlicher Erinnerung kam auch in Hildesheim zunehmend auf Menschen zu liegen, die als Opfer identifizierbar waren. Widerständler waren zwar gerade in den späten 70er und frühen 80er Jahren wichtig für die Identitätsbildung der Hildesheimer Linken gewesen, doch spielen sie heute eine eher untergordnete Rolle. Um Täter ging es nur insofern, als man sich als politisch korrekt Denkender von ihnen, und von denen, die sie nach 1945 in Schutz nahmen, distanzieren konnte. Um Komplizen, Mitwisser, Mitläufer, Zuschauer, Nichts-Tuer und Nicht-Bloss-Opfer – und deren Motivation, Handlungsmöglichkeiten, Verantwortung – ging es gar nicht.

In welcher Weise könnte es denn um sie gehen? Vor etwa zwei Jahren hatte ich beruflich im britischen Nationalarchiv in London zu tun. Ich suchte nach Material über die Uganda-Politik der britischen Regierung in den 70er Jahren. Ich musste einige Zeit auf die bestellten Akten warten, und um mir die Zeit zu vertreiben, spielte ich mit der Suchmaschine des Archivs herum. Ich gab u.a. das Schlagwort “Hildesheim” ein. Zu meinem Erstaunen fand ich Hinweise auf mehrere Akten über die Misshandlung alliierter Staatsangehöriger in Hildesheim. Sie dokumentieren einen Kriegsverbrecherprozess aus dem Jahr 1946. Es gab nur einen Angeklagten: einen gewissen Hermann Dettmer, damals 59 Jahre alt, der in Hildesheim seit 1906 als Fensterputzer tätig gewesen war. Im Februar 1945 wurde Dettmer zum Volkssturm eingezogen und mit der Bewachung der aus Bergen-Belsen abkommandierten Konzentrationslager-Häftlinge beauftragt. Er war unter den Häftlingen als “die Lederjacke” bekannt und tat sich mehrfach als brutaler Schläger hervor. Dettmer wurde 1946 zu 5 Jahren Haft verurteilt.

Die britischen Quellen enthalten detaillierte Zeugenaussagen und geben Auskunft über die Lebensbedingungen der in Hildesheim eingesetzten Häftlinge, über die bislang wenig bekannt war. Man könnte mit ihrer Hilfe also Licht auf ein bislang wenig bekanntes Kapitel der NS-Geschichte Hildesheims werfen, nämlich das Leiden der im Februar und März 1945 dort eingesetzten Häftlinge. Eine solche Nutzung der Akten aus dem Londoner Nationalarchiv würde sich nahtlos einpassen in den öffentlichen Umgang mit der Hildesheimer NS-Vergangenheit seit 1978. Aber mir scheint es viel interessanter und auch viel wichtiger zu sein, sich öffentlich an Hermann Dettmer zu erinnern: einen anscheinend bis 1945 relativ unbescholtenen Mann, der in den letzten beiden Kriegsmonaten zum Täter wurde. Erinnern möchte ich auch an die Hildesheimer, die Augenzeugen der Dettmerschen Misshandlungen waren und dann darüber aussagen mussten, und an die, die für Dettmer während des Kriegsverbrecherverfahrens bürgten und dann anschliessend um seine Begnadigung ersuchten.

Die Alternative zum Opfergedenken könnte darin bestehen, sich aller und, in Deutschland, gerade auch aller deutschen historischen Protagonisten zu erinnern. Mit anderen Worten, ich schlage vor, dass öffentlich auch an Täter, Mitläufer und Zuschauer erinnert wird. Es ist wahrscheinlich sinnvoll, wenn ich erkläre, was ich hier nicht meine. Sie werden sich an die Begleitumstände der Veröffentlichung des Goldhagenschen Bestsellers erinnern (den wahrscheinlich ähnlich viele Leute gekauft und ähnlich wenige gelesen haben wie Jörg Friedrichs monumentales Buch Der Brand). Schon vor der Übersetzung des Goldhagen-Buches ins Deutsche gab es hier einen Publicity-Rummel ohnegleichen. Und als der Autor dann leibhaftig in Deutschland erschien, um den Deutschen zu sagen, wie schlecht sie gewesen seien (oder genauer: warum ganz normale Deutsche verantwortlich für den Holocaust waren), da nahm die Begeisterung der Fans kein Ende. Einlasskarten für Goldhagens Vorlesungen waren so begehrt wie Tickets für ein Prince-Konzert. Besonders jüngere Menschen jubelten ihm zu.

Endlich hatte es mal jemand ausgesprochen: nicht bloss Hitler war's gewesen, sondern auch der ganz normale Herr Meier aus Hamburg, der da im Osten eifrig und aus Überzeugung an der Ermordung von Juden mitgewirkt hatte. Doch für die deutschen Fans des Daniel Goldhagen war der normale Herr Meier ebenso exotisch wie der abnormale Herr Hitler. Selbst die, die Meier hiessen, wussten, dass Goldhagen ja nicht sie, sondern den längst toten Herrn Meier meinte. Die von Goldhagen präsentierten Täter waren Teil einer Freakshow – sich auseinandersetzen oder gar identifizieren konnte man sich mit denen nicht.

Bei der Begeisterung für Goldhagen ging es um Distanzierung. Goldhagen machte das Vergangene noch vergangener – u.a. deshalb, weil er jegliche Verbindung zwischen seinen deutschen Fans und den Protagonisten seines Buches negierte.

Was Goldhagen so medienwirksam-attraktiv machte, war die Tatsache, dass er wenig an Grautönen interessiert war. Für ihn gab es nur Täter und Opfer. Mitläufer und Zuschauer interessierten ihn ebensowenig wie Opfer, die zu Tätern wurden, und Täter, die zu Opfern wurden. Eine Obsession mit Tätern a la Goldhagen meine ich also nicht bei meinem Vorschlag, an alle historischen Protagonisten öffentlich zu erinnern. Es geht auch nicht einfach um zwei weitere Kategorien (Täter und Mitläufer), der man eine Restmenge von Nicht-Opfern zuordnen kann, sondern um die Nicht-Opfer und um die Nicht-Bloss-Opfer. Es geht darum, die Komplexitäten hervorzuheben, die jemanden zum Täter, zum Zuschauer, zum Komplizen werden liessen und lassen.

Aber warum sollten derlei Komplexitäten überhaupt eine Rolle spielen? Was interessiert mich die Komplexität von Mördern? Sie sollte mich interessieren, wenn ich an der Vergangenheit an sich und nicht bloss an ihrer zweidimensionalen Abbildung in der Gegenwart interessiert bin.

Aber mit komplexen Darstellungen der Vergangenheit verhält es sich ähnlich wie mit Denkmälern: sie sind, wie viele Lehrer bestätigen können, “durch irgend etwas gegen Aufmerksamkeit imprägniert, und diese rinnt dann Wassertropfen-auf-Ölbezug-artig an ihnen ab, ohne auch nur einen Augenblick stehenzubleiben.” Ich zitiere noch einmal meinen Wiesbadener Gesprächspartner, einen ehemaligen Lehrer übrigens, der folgende bemerkenswerte Anmerkungen zur Gedenkpraxis machte: “Ich will ganz bewusst auf diese emotionale Schiene gehen. Weil man dieses Thema nicht nur rational abhandeln kann. . . . [N]achdem Sie als Wissenschaftler alles erklärt haben, muss ich mir doch mal die Frage stellen, warum haben die Leute das denn alles gemacht? Waren das denn alles Feiglinge? Oder Angsthasen? Oder alles verkappte Schweinehunde, oder sonstwas?”

Während der Arbeit an Shifting Memories las ich viele Besucherbücher einschlägiger Gedenkstätten. Zwei Reaktionen waren besonders häufig; sie traten zumeist paarweise auf: Betroffenheit und Unverständnis. Ich habe mir auch in den letzten drei Wochen stichprobenartig solche Besucherbücher angeschaut. Da scheint sich gegenüber der zweiten Hälfte der 90er Jahre wenig geändert haben. Hier zwei Beispiele (dies ist zugegebenermassen anekdotisch und ganz und gar unwissenschaftlich): das erste kommt aus dem Besucherbuch des Dokumentationszentrums Obersalzberg in Berchtesgaden. Unter dem 28. 2. 2006 schrieb ein Besucher: “Die Ausstellung ist unwahrscheinlich beeindrucked, aber trotzdem unfassbar!” Das zweite Beispiel ist aus dem Besucherbuch des sogenannten Aufseherinnenhauses in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück: Am 2. April 2006 schrieb eine junge Frau dort: “Wie können Deutsche zu so etwas fähig sein! Es tut mir so leid! Ich bin NICHT stolz Deutscher zu sein! WIE(SO) konnte so etwas passieren? Ohne das [sic] jemand etwas gemerkt hat? So etwas sollte man nie vergessen.” Beide Ausstellungen sind relativ neu, didaktisch auf dem neuesten Stand, informativ und der Komplexität der historischen Ereignisse angemessen. Beide beschäftigen sich in erster Linie mit Tätern.

Was beiden Ausstellungen fehlt, ist der Raum für eine empathische, d.h. einfühlsame Erinnerung. Warum empathische Erinnerung? Ich hoffe, dass so die Distanzierung der sich erinnernden von historischen Protagonisten erschwert wird, und dass so Erinnerung an vergangenes Unrecht auch immer Reflektion eigener gegenwärtiger Verantwortung und Verantwortlichkeit sein kann. Ich hoffe auch, dass so das Verstehen historischer Zusammenhänge eher möglich ist, dass dann vergangenes Unrecht nicht mehr zugleich als bewegend und unfassbar erfahren wird.

Aber ist das nicht sowohl gefährlich als auch moralisch bedenklich? Gefährlich schon. Diejenigen, die sich um die Moralität sorgen, möchte ich daran erinnern, dass es ja bislang als völlig legitim galt, sich empathisch einzelner Opfer des Faschismus zu erinnern. Ist die empathische – und manchmal: identifikatorische – Erinnerung an Anne Frank nicht sehr viel suspekter als die an Täter, Mitläufer, Mitwisser, Nicht-Bloss-Opfer?

Im ersten Teil meines Vortrags hatte ich meine Zweifel an Aspekten gegenwärtiger öffentlicher Gedenkpraxis geäussert. Die, die ein öffentliches Gedenken einfordern, geben oft auch ihrem Wunsch Ausdruck, dass es möglich sein müsse, Erinnerung zu delegieren. Sie sind oft besorgt um das Ansehen ihrer Stadt oder ihres Landes. Also keine Mahnmäler und öffentlichen Gedenkrituale mehr? Das käme dann wohl auch auf die Form an. Ausserdem ist der laute Streit um Aspekte öffentlicher Gedenkkultur ja manche steingewordene Erinnerung wert. Und so will ich auch meine Intervention heute abend verstanden wissen: es geht mir nicht darum, konkret öffentliche Erinnerungsorte für Mitläufer und Zuschauer und andere nicht-bloss-Opfer zu entwerfen, sondern einen Streit um die Möglichkeit solcher Orte vom Zaun zu brechen.

 

Klaus Neumann

19. April 2006

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