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++ 7 | 6306 Zeichen | Artikel vom: 24. 08. 2004   Druckversion

Keinen Fußbreit dem subtilen Neo-Nationalismus

KEINEN AUFTRITT VON MIA BEI FOLKLORE IM GARTEN


Mittlerweile gehört es wieder zum guten Ton sich positiv auf Deutschland zu beziehen. Mensch ist wieder "Stolz ein(e) Deutsche(r)" zu sein. Was dem neu gewonnenen Stolz auf die Nation im Weg steht, wird durch Entsorgung oder Verharmlosung weggeräumt. Dies ist in den letzten Jahren immer wieder (Walser, Möllemann, Friedrich u.a.) und zuletzt bei Martin Hohmann deutlich geworden. Dieser Trend macht auch vor der deutschen Popkultur nicht halt. Die Berliner Band Mia, die am 27.8. in Wiesbaden bei Folklore im Garten spielen soll, ist hierfür ein Paradebeispiel.



Deren Gitarrist Andi formuliert dies folgendermaßen: „Es geht uns jetzt darum, die schwere Bedeutung der deutschen Farben neu zu belegen.“ Ähnliche ‚Gedanken’ finden sich in den Texten (z.B. in ‚Was es ist’) und in den Äußerungen ihrer Mitglieder zuhauf. Bei der Loveparade 2003 machten Mia als schwarz-rot-gold verkleidetete Marschkapelle den Anfang.

„Neuanfang“ und Schlussstrich:

Überhaupt ist der Neuanfang zentrales Thema für den nationalen Deutschpop: Man fühlt sich endlich „nicht mehr fremd im eigenen Land.“ Schließlich habe man ja die Vergangenheit gründlich aufgearbeitet, sei sich nun seiner besonderen Verantwortung bewusst und zu guter Letzt ist man spätestens seit dem Engagement gegen den Irakkrieg auf Seiten der ‚guten Völker’ angekommen. So bekundete Mia Sängerin Mieze in einem Interview mit der Deutschen Welle: „Wow, Deutschland steht für Frieden." Die Aussage ist bizarr. Die rot-grüne Regierung hat zwar den Irak-Krieg abgelehnt. Ansonsten hat sie sich seit 1998 praktisch ununterbrochen an Kriegseinsätzen beteiligt und damit auch in dieser Hinsicht ihre konservativen Vorgänger hinter sich gelassen. Doch um Sachverhalte geht es bekanntlich bei nationaler Mythenbildung kaum. Gerade die Nutzbarmachung von Brüchen setzt neue Potenziale frei. Die deutschen und französischen Politikeliten schreiben die Anti-Kriegs-Demonstrationen vom 15. Februar 2003 zum Gründungsdatum einer europäischen Nation um. Der Widerstand gegen den Krieg "beweise" die neue deutsche Zivilität, legitimiere damit die Normalisierung der Geschichte. Es wird gleichzeitig zum Motiv eines obskuren nation re-building, bei dem es letztlich um das Recht auf eine deutsche beziehungsweise europäische Hegemonialpolitik in der Welt geht.

Deutsche Tabus?

Tatsächlich scheint sich deutsches Bewusstsein zur Zeit fast zwangsläufig um die Wahrnehmung herum zu konstituieren, man habe in diesem Land jahrzehntelang alles Mögliche nicht gedurft: die Nationalfahne nicht tragen, Israel nicht kritisieren, stolz sein auf die Großeltern (auch wenn sie Nazis waren). Dabei wird der Mainstream – der, was gerne vergessen wird, immer ein positives Bild zu Deutschland formulierte – zur Protesthaltung umgedichtet. Und so können sich denn auch Mia als Tabu-Brecher gerieren, als Provokateure, die neues Denken ermöglichen. Dass das Tabu in Deutschland in Wirklichkeit genau anders herum funktioniert, wird unterschlagen.

Was es ist: Arm und Reich

Im Inneren wird die neoliberale Wende immer heftiger forciert. Abbau von Sozialleistungen, Aushöhlung von ArbeitnehmerInnenrechten, Hartz IV, Anti- Terror- Gesetze, kameraüberwachte Innenstädte, Innere Sicherheit und generelle Aufrüstung der Bundeswehr. Der soziale Standard sinkt. Schon jetzt arbeiten in Deutschland bereits ein Drittel aller Vollzeitbeschäftigten, sechs Millionen Menschen, im Niedriglohnsektor. Diese Mischung ist prekär, sie droht auseinander zu fliegen, wenn die Krise kommt. Was ist also der Kitt, der das ganze zusammenhält? Es ist der Nationalismus, die Zusammenrottung der Staatsbürger, die zunächst nur über einen antagonistisch organisierten Produktionsprozess aneinander kleben, zur Nation.

Livestylenationalismus

Nationalismus heißt heutzutage Coolness. Das zumindest suggerieren diverse Lifestyle Magazine wie ‚Blond’ oder ‚Deutsch’, diverse Rankings, in denen Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun haben, zu den 100 wichtigsten jungen Deutschen zusammengefasst werden, eine schwarz-rot-goldene MAX-Ausgabe (Titelzeile: „Warum wir besser sind, als wir denken“ – wer ist „wir?“ Die sechs Millionen NiedriglohnarbeiterInnen?) und eben auch Mia, die locker, nett und vorurteilsfrei, stolz auf das neue Deutschland sind und deren Labelbetreiber am Irakkrieg am schönsten fand, „dass man endlich wieder ungehemmt für Deutschland sein darf.“

Too sexy for the Führerbunker?

Dieser Neo-Nationalismus macht deshalb einen nicht so verbiesterten Eindruck, weil er sich Zeichen der Popkultur bedient. Er verschmilzt mit Coolness, mit frecher Punkmusik und „lebhafter Lebenskultur“(MAX). Diese Popelemente erlauben es, innerhalb (außerhalb gibt es dabei nicht) der nationalistischen Mobilisierung mit dieser zu spielen: Wir sind zwar stolz Deutsche zu sein, aber wir nehmen das auch nicht so ganz ernst. Immer nur locker bleiben. Den Nationalismus als solches zu behandeln, ist – vorsichtig gesagt – strunzdumm. Nicht, dass man seine nationale Identität mit falschen Inhalten füllen würde, ist hier das Problem, sondern dass man überhaupt auf die Idee kommt, Ungetüme wie ein ‚nationales Bewusstsein’ neu erschaffen zu wollen. Die Nation wird vom Staat in Szene gesetzt, und der versteht keinen Spaß. Wer Ja zur Nation sagt, sagt auch Ja zum nächsten Krieg. „Unsere“ Freiheit wird ja bekanntlich am Hindukusch verteidigt.

Dass es auch anders geht, zeigt z.B. die Band Tocotronic, die auf ihrer Website klarstellt: »Wir lehnen Nationalismus, Deutschtümelei und Heimatverehrung ab und weigern uns, unsere Musik unter solche Begriffe subsumieren zu lassen.«

Es bleibt dabei: DEUTSCHLAND IST NICHT COOL!

Für etwas besseres als die Nation...

UnterzeichnerInnen: AKU Wiesbaden, Cafe Klatsch, postfordistische antinationale optimisten!

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