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++ 3 | 8067 Zeichen | Artikel vom: 09. 10. 2005   Druckversion

Die Verhinderung eines zentralen Mahnmals in Wiesbaden

Beschämende Provinzposse oder Methode ?

Eine Zweckkoalition aus CDU/FDP und Republikanern und eines ehemaligen REP-Parteigaengers kippte am 17. Juni 05 den Bau des Mahnmals

Eine Zweckkoalition aus CDU/FDP und Republikanern und eines ehemaligen REP-Parteigaengers kippte am 17. Juni 05 den Bau des Mahnmals

Das zentrale Mahnmal für die Wiesbadener Opfer des Nationalsozialismus wird nicht gebaut. Aus diesem Grund organisierte ein Bündnis verschiedener Gruppen und Einzelpersonen eine Aktion der „medialen Konfrontation“ auf den Stufen des Wiesbadener Rathauses auf: Der erste Teil des Films "Shoa" von Claude Lanzmann wurde am 2. 10. 2005 vor dem Wiesbadener Rathaus projeziert.



Das zentrale Mahnmal für die Wiesbadener Opfer des Nationalsozialismus wird nicht gebaut. Eine Zweckkoalition aus CDU/FDP und Republikanern und eines ehemaligen REP-Parteigängers kippte am 17. Juni 2005 den einstimmigen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung von 1986.

Vorgeschobene Sachzwänge 

Gegenüber der Öffentlichkeit wurde mit vorgeschobenen Sachzwängen argumentiert: Von der Künstlerin Jenny Holzer wurde bereits im Vorfeld quasi eine Abrissgenehmigung gefordert, wobei man davon ausging, dass eine renommierte Künstlerin dieses - und vor allem bei dieser Thematik - nicht hinnehmen würde.

“Wir haben immer erklärt, dass wir kein zentrales Mahnmal wollen.“ (CDU)

Trotz dieses allzu durchsichtigen Manövers der Wiesbadener CDU und ihrer scheinbaren Sorge um „die Stadtplanungsmöglichkeiten künftiger Generationen“ lenkte Jenny Holzer ein und nahm damit dem CDU–Antrag die Grundlage. Nichtsdestotrotz hangelte sich OB Hildebrand Diehl an dieser so peinlichen wie offensichtlichen Vorlage entlang: „Die Künstlerin sei zwar bereit, hinsichtlich einer möglichen Umsetzung ihres Werks mit sich reden zu lassen. Daraus könne der Magistrat aber nicht ableiten, dass die Stadt das vorgesehene Areal (…) eigenmächtig umplanen kann.“ (FR) Kein Blatt vor den Mund nahm dagegen CDU-Fraktionschef Bernhard Lorenz: “Wir haben immer erklärt, dass wir kein zentrales Mahnmal wollen.“

Das perfide Ausspielen des namentlichen Gedenkens gegen ein zentrales Mahnmal

In diesem Zusammenhang stellt die CDU, die berechtigte, vor allem von der jüdischen Gemeinde erhobene Forderung an einen Ort namentlichen Gedenkens, als Alternative zur Errichtung eines zentralen Mahnmals dar. Das Ausspielen dezentraler, namentlicher Gedenkstätten gegen ein zentrales Mahnmal zeigt einmal mehr die perfide Umgangsweise gegenüber deutscher Geschichte und der daraus erwachsenden Verantwortung.

Warum wird kein zentrales Mahnmal gewollt?

Auch wenn sich die CDU bedeckt hält und sich an diesem Punkt nicht weiter aus dem Fenster lehnt, ist zu fragen, warum im Herzen des politischen und historischen Wiesbadens eine Erinnerung an die Opfer des deutschen Faschismus nicht gewollt wird. Sie lehnten schließlich so entschieden das Mahnmal im Herzen des politischen wie historischen Wiesbadens ab, dass Sie die politische Skrupellosigkeit besaßen, zusammen mit den rechtsradikalen REP`s das Denkmal niederzustimmen.  Dieser Skandal zeigt Parallelen zu der Debatte um die (Um-)Benennung der Rudolf Dietz –Schule in WI-Naurod. Fragwürdige „Heimattraditionen“ wurden in dieser Debatte höher bewertet als eine konsequente, kritische Auseinandersetzung mit dem antisemitischen Wirken des „Dichters“. So bleibt die Grundschule im Wiesbadener Vorort nach einem nationalsozialistischen Rassisten benannt.   

Es geht um das Verdrängen der Schuld und die Ausblendung der deutschen Verbrechen. Es ist nicht zuletzt die Kontinuität des Wirkens der Täter und Mitläufer und das Re-Integrieren der Nazi-Täter in die deutsche Gesellschaft, an das nicht erinnert werden soll. Es kommt darin der Wunsch zum Ausdruck, von alldem nicht mehr gestört und damit belästigt zu werden. Darum empfinden diese Damen und Herren ein zentrales Mahnmal in Wiesbaden als Stachel im Fleische.

Die weinselige Beschaulichkeit von Sternschnuppenmarkt und Weinfest soll nicht gestört werden. Deutsche Befindlichkeit soll ungetrübt von der Vergangenheit in einer neuen Identität erscheinen, mit dem Tenor: „Wir sind wieder wer, lass die Vergangenheit doch endlich ruhen“.

Wir, die Unterzeichnenden, vermissen einen verantwortungsbewussten Umgang mit der deutschen Geschichte. Die Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Herrschaft durch Gedenkstätten ist nur ein Teil des Notwendigen. Sollen Gedenkstätten nicht eine Alibifunktion für eine verweigerte Aufarbeitung deutscher Geschichte übernehmen, ist eine kritische Auseinandersetzung mit Faschismus, Rassismus und menschenfeindlicherTotalität – auch in ihren aktuellen Formen - Sache eines jeden Menschen.

 

Am 2.10.2005 Wiesbaden Schlossplatz ab 19 Uhr

Shoah – Versuch einer „Medialen Konfrontation“ mit den NS-Gewaltverbrechen

  • Kurze Beiträge zur Geschichtspolitik in Wiesbaden
  • Einführung in den Film „Shoah“ (Claude Lanzmann)
  • Aufführung des 1. Teils des Films vor dem Rathaus

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AKU , Cafe Klatsch Kollektiv, Kulturzentrum Schlachthof, Flüchtlingsrat Wiesbaden

Unterstützt von :

Stefan Burghardt (Stadverordneter), Dr. Tilli Reinhardt(Stadverordnete), Sabine Gaedeke (Stadverordnete), Rosa M. Winheim (Stadverordnete), Olaf Bayer (Stadverordneter),  Hubert Müller (Stadverordneter), Dr. Ulla Ahrenhöfer (Stadtverordnete), Claus-Dieter Große (Stadtverordneter), Rita Thies ( Ex-Kulturdezernentin), Peter Bingel (Lehrer), Harald Steinwender(Filmwissenschaftler),  Linke Liste Wiesbaden

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Vorgeschichte

  • Am 19. Juni 1986 beschlossen die Wiesbadener Stadtverordneten einstimmig „zum Gedenken an alle, die Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geworden sind, insbesondere derer, die Widerstand geleistet haben, ein ihrer Bedeutung angemessenes Mahnmal an hervorgehobener Stelle zu schaffen.“
  • Zu Beginn der 90er Jahre folgten erste Expertenrunden mit Kunsthistorikern, Politikern und Verwaltung. Renommierte KünstlerInnen wurden zu Entwürfen angefragt.
  • Vorrangig wird das Gedenken an die Deportation und Ermordung jüdischer WiesbadenerInen von unabhängigen Gruppen wach gehalten und eingefordert. Der Förderkreis Aktives Museum Deutsch-Jüdischer Geschichte ruft kontinuierlich die Ermordung der jüdischen MitbürgerInnen in Erinnerung:
  • Am 30. August 1992 nahmen mehr als 2000 Menschen an einem Mahngang durch Wiesbaden teil. Anlass war der 50. Jahrestag der Deportation jüdischer Wiesbadener BürgerInnen.
  • 1995 bringt der AKU am Ort der damaligen Deportationen, der ehemaligen Viehverladerampe am Wiesbadener Schlachthof die Parole an: "1942 Wiesbadener schicken jüdische BürgerInnen in die Vernichtung. 1995 …? " und mahnt damit das schon 9 Jahre zuvor beschlossene Denkmal statt der Entsorgung der spezifisch deutschen Geschichte ( zum 50 Jahrestag des Kriegsendes) an. Schnell lässt die Stadt die Inschrift überstreichen.
  • 1996 entfacht der Vorstoß des damaligen Kulturdezernenten Peter Riedle(CDU) erneut die Debatte um das zentrale Mahnmal. Riedle favorisiert „dezentrales Gedenken an authentischen Orten“, SPD/GRÜNE halten am Plan einer zentralen Gedenkstätte fest.
  • 1999 schließlich wird der Beschluss zum zentralen Mahnmal in der Stadtverordnetenversammlung nochmals bestätigt.
  • Diese Entscheidung hatte bis zum Juni 2005 bestand, als CDU, FDP und REPs  mit einem gemeinsamen Beschluss in der Stadtverordnetenversammlung die zentrale Gedenkstätte für die Opfer des NS-Regimes kippten.

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